LXVIII. “selflove”

Selbstsucht und Selbstliebe, sind sie identisch, oder ist der Mangel an Selbstlieb die eigentliche Ursache von Selbstsucht? In unseren Kulturkreisen, aber auch darüber hinaus, werden Selbstsucht und Selbstliebe oft identisch angenommen und gesehen, bzw. wird meistens sehr oberflächlich darüber geredet oder diskutiert und es werden meist andere Begriffe wie Narzissmus und Egoismus ins Spiel gebracht bis die meisten Beteiligten dann komplett verwirrt sind und sich in einem ohnehin schon komplexen Thema dann gar nicht mehr zurechtfinden.

Die Lehre, dass Selbstsucht tabu ist und Selbstliebe eine sittlich Wertvolle Eigenschaft, also eine Tugend ist steht in einem krassen Widerspruch zur gelebten Praxis der heutigen Gesellschaft, in der die Selbstsucht als bestehender Trieb anerkannt wird. Der einzelne der diesem Trieb nachgeht leistet den besten Beitrag. Paradoxerweise spricht man aber auch vom Übel der Selbstsucht und die Liebe zum Nächsten wird als Tugend erklärt. Somit wird es verwirrend, weil Selbstsucht und Selbstliebe werden schon fast synonym verwendet. Doch woher stammen diese starken Prägungen in uns ?

Kant, Luther und Calvin waren die großen Denker hinter der Auffassung, die das Glück des Menschen nicht bei sich selbst suchen, sondern einem allmächtigen Gott oder weniger mächtigeren Autoritäten wie zum Beispiel Staat, Wirtschaft, Erfolg suchen. Sie gaben praktisch die Grundlagen der westlichen Welt. Für Nietzsche dagegen hat das Individuum eine ungeheure Bedeutung:

“Ihr haltet es mit euch selbst nicht aus und liebt euch nicht genug”

“Der Eine geht zum Nächsten, weil er sich selbst sucht und der Andere, seil er sich verlieren möchte”

Sein Auffassung sieht die Liebe als ein Zeichen des Überflusses. Einen anderen Lieben ist nur dann eine Tugend, wenn es dieser inneren Kraft entspringt. Es ist aber ein Laster, wenn der Mensch nicht er selbst sein kann. Wie ihr seht eine komplexe Angelegenheit, jedoch ist es sehr auffallend, dass die Breite Masse der Art irrtümlich und missverständlich von Liebe spricht obwohl es nach diesen Auffassungen eigentlich im Grunde gar nicht möglich ist.

Tu nicht, was du selbst möchtest heißt auch, gib deinen Willen zugunsten einer Autorität auf. Also auf der einen Seite, sei Selbstsüchtig und lieb dich selbst und auf der anderen Seite, unterwirf dich einer höheren Macht. Instagram und co bzw. Politik, Kirche und co. wobei die Vertreter dieser sogenannten autoritären Mächte ja im laufenden Band ins Fettnäpfchen tappen und zumindest für mich immer mehr an Kraft verlieren.

“Die Liebe zu sich selbst ist untrennbar mit der Liebe zu jedem anderen Menschen”.

Erich Fromm

Somit kann man sagen, dass so wie es in der Bibel steht <Liebe deinen Nächsten wie dich selbst> nichts anderes bedeutet, als das die Achtung vor der eigenen Integrität und Einmaligkeit und ein sich selbst finden und begreifen nicht trennbar sind von der Achtung der anderen und der Liebe zu anderen. Somit ist Liebe zu sich oder Liebe zu anderen keine alternative, sondern ein zusammenhängendes Phänomen.

Abschließend möchte ich gerne Erich Fromm in einem Etwas längerem Absatz zitieren, weil man es einfach nicht zutreffender sagen kann.

“Selbstsucht und Selbstliebe sind nicht identisch, sondern sind in Wirklichkeit Gegensätze. Sich selbst liebt der Selbstsüchtige nicht etwa zu sehr, sondern zu wenig , tatsächlich hasst er sich selber. Dieser Mangel an Liebe und Fürsorge für sich selbst , der nur ein Ausdruck eines Mangels an Produktivität, macht ihn leer und unbefriedigt. Er ist zwangsläufig unglücklich und ängstlich darauf bedacht, dem Leben die Befriedigung zu entreißen, die er nicht aus sich selbst erreichen kann. Scheinbar ist er zu sehr um sich selbst besorgt, aber in Wahrheit versucht er damit nur auf erfolglose Weise zu bemänteln und zu kompensieren , dass er unfähig ist wirklich für sich zu sorgen. Nach Freud ist der selbstsüchtig Narzisstisch, weil er seine Liebe von anderen weggezogen und auf sich selbst konzentriert hat.

Richtig ist, dass Selbstsüchtige Menschen niemanden lieben können, aber auch nicht sich selbst gegenüber sind sie keiner Liebe fähig.

Es wird klarer verständlich, wenn man sie mit der besitzgierigen Fürsorge vergleicht, die wir zu Beispiel bei einer überbesorgten, herrschsüchtigen Mutter finden. Während sie bewusst glaubt, dass sie ihr Kind ganz besonders liebe, fühlt sie unbewusst ein verdrängte Feindseligkeit gegen das Objekt der Fürsorge. Sie ist nicht deshalb überbesorgt , weil sie ihr Kind zu sehr liebt, sondern weil sie ihre Liebesunfähigkeit zu kompensieren sucht. “

Erich Fromm aus analytisch Charaktertheorie

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